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Obst in der Region
Die hier betrachteten Kern- und Steinobstarten Apfel, Birne, Kirsche und Pflaume gehören der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) an, sind also nahe verwandt mit Rosen, Erdbeeren und Brombeeren ebenso wie mit Wiesenknopf, Frauenmantel und Spierstrauch.
1. Apfel
1.1 Kulturgeschichte
An der Entstehung des Kulturapfels Malus domestica sind wahrscheinlich die asiatischen Wildarten Malus hissarica (einschl. Malus siversii und Malus niedzwetzkyana) und Malus orientalis sowie der Sibirische Holzapfel Malus sylvestris subsp. praecox beteiligt, nicht jedoch der heimische Wildapfel Malus sylvestris subsp. sylvestris.
Es handelt sich also um ein Bastard aus mehreren Arten, die im Altai, im Kaukasus und in Persien bereits seit mehr als 8.000 Jahren genutzt und wahrscheinlich durch Auslese verbessert wurden, bevor sie in den frühen Hochkulturen Mittel- und Vorderasiens aufeinander trafen und sich ihr genetisches Potenzial durch Kreuzung vervielfachte. Ob die Bäume damals durch Aussaat vermehrt wurden, oder bereits Veredelungen zum Erhalt bestimmter Sorten erfolgten, ist bisher nicht nachgewiesen. Spätestens seit der homerischen Zeit (vor ca. 2.800 Jahren) sind aus Griechenland Veredelungspraktiken belegt, seit der klassischen Antike sind griechische und römische Sortenverzeichnisse erhalten, die darauf schließen lassen, dass bis heute einige antike Sorten erhalten geblieben sind (sicher bei Kleiner Api, anzunehmen bei Roter Eiserapfel, Winter-Goldparmäne).
Der seit der Römerzeit auch in Mitteleuropa angebaute Kulturapfel ist frei kreuzbar mit dem Wildapfel Malus sylvestris subsp. sylvestris, jedoch lassen sich keine Einflüsse der Wildart auf heutige Apfelsorten nachweisen. Seit dem frühen Mittelalter sind Kreuzungen mit dem Sibirischen Holzapfel Malus sylvestris subsp. praecox bekannt, woraus eine Gruppe von frühreifenden, weißschaligen Sorten hervorging, die an kontinentale Klimabedingungen mit strengen Wintern und kurzer Vegetationsperiode angepasst sind (z. B. Antonowka, Borowinka, Weißer Klarapfel, Weißer Astrachan, Weißer Sommerkalvill, Weißer Titowka).
1.2 Was ist eine Sorte?
Die historische Einkreuzung mehrerer Wildarten zur neuen Art Kulturapfel wurde dadurch begünstigt, dass verschiedene Apfelarten in der Natur frei kreuzbar sind, was vor dem Menschen unerheblich war, da sie geographisch getrennt existierten.
Im Fall des Kulturapfels ist das genetische Potenzial durch seine Entstehungsgeschichte derart aufgeweitet, dass kaum ein Nachkommen seinen Eltern gleicht, d. h. aus jedem Samen (Kern) entsteht eine neue, noch nie dagewiesene Sorte der Art Kulturapfel, die sich von ihren Eltern sehr unterscheidet.
Äpfel sind, ebenso wie die meisten anderen Obstarten, auf Fremdbestäubung angewiesen. Es kann also die Blüte eines Baumes nur von Blütenstaub eines anderen Individuums der gleichen Art oder einer ähnlichen Art befruchtet werden.
Somit kann ich eine einmal zufällig aus Samen entstandene Sorte (z. B. 1830 Cox´ Orangenrenette) nur auf vegetativem Wege weiterverbreiten, also z. B. durch das Pfropfen eines Cox-Astes auf einen anderen Baum. Die Vermehrung durch Kreuzung Cox mit Cox ist nicht möglich, da alle Cox-Bäume durch Veredelung von dem ursprünglichen Baum des Mr. Cox aus England abstammen und somit ein Individuum sind, das sich nicht selbst befruchten kann. Cox´ Orangenrenette besitzt auch sogenannte Schwesternsorten, das sind Bäume , die aus anderen Kernen des selben Apfels hervorgegangen sind, also die selben Eltern; aber alle diese Bäume haben sehr unterschiedliche Eigenschaften und Früchte (wie z. B. Cox´Pomona), man erhält also wirklich aus jedem Apfelkern eine andere, neue Sorte. Um den hervorragenden Geschmack von Cox´ Orangenrenette bei gesünderen Bäumen zu erhalten haben hunderte Züchter seit über 150 Jahren zehntausende Bäume aus Cox-Kernen gezogen, woraus viele gute Sorten entstanden sind (wie Carola, Clivia, Holsteiner Cox, Ingrid Marie, Rubinette), ohne jedoch bisher das Ziel zu erreichen.
1.3 Regionalität und Sortenvielfalt in Nordostdeutschland
Es gibt also zwei grundlegende Möglichkeiten des Kulturapfel-Anbaus: Das Ziehen von neuen Sorten aus Kernen (Sämlinge) und das Veredeln vorhandener Sorten auf neue Bäume (Unterlagen).
Beides wird seit 2.000 Jahren in Mitteleuropa praktiziert; in Epochen und Zentren hoher Gartenbaukultur überwog das Veredeln (Römerzeit, Klöster, Gutsgärten, Baumschulen), während in Mangelperioden und im ländlichen Raum bis Ende des 18. Jahrhunderts die Sämlinge verbreitet waren. Bewährte Zufallssämlinge wurden lokal weiterveredelt (oft von Pfarrern und Lehrern) und erlangten eine kleinräumige Verbreitung. Mit Beginn der zielgerichteten Obstbaumkunde und –züchtung (Pomologie) ab etwa 1800 wurden viele Sorten beschrieben, vorrangig jedoch solche aus den Veredelungskulturen, und es begann eine schwunghafte Verbreitung der beschriebenen Sorten über ihre Ursprungszentren hinaus. So hat Pomologie ungewollt zum Verschwinden von Lokalsorten beigetragen, indem von nun an jeder die Blenheim, Boskoop, Goldparmänen, Gravensteiner und Ontario haben wollte. Diese Epoche der pomologischen Obstkultur wurde im 20. Jahrhundert vom Plantagenanbau abgelöst, bei dem die Vielfalt bis auf wenige Erwerbssorten zusammenschmolz. Die zumeist angebauten Neuzüchtungen weisen aufgrund ihrer hohen Fruchtbarkeit ein geringes Lebensalter und geringen Widerstand gegen Krankheiten auf, weshalb sie sich für extensiven Anbau in Garten und Landschaft kaum eignen. Noch verheerender für die Sortenvielfalt ist jedoch der gestiegene Wohlstand seit den 1960-er Jahren: Plantagenobst und exotische Früchte sind billig im Handel erhältlich, Obstbäume als Quelle der Selbstversorgung verlieren ihre Bedeutung, die Dörfer verlieren ihre Erzeugungsfunktion für Lebensmittel, in den Gärten nehmen künstliche Kulissen aus Nadelgehölzen den Platz der Obstbäume ein.
Eine kleine Trendwende ist durch gestiegenes ökologisches Bewusstsein seit Ende des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen. Dem mit hohem chemischen Aufwand erzeugten Plantagenobst stehen Verbraucher zunehmend kritisch gegenüber, die Fragwürdigkeit von Obstimporten aus überseeischen Anbaugebieten nimmt zu, der gesundheitliche und ökonomische Wert von ungespritztem Obst aus der Region wird anerkannt, der biologische Wert von hochstämmigen Obstbäumen und Streuobstbiotopen ist populär. Entsprechend steigen auch die Nachfrage für „alte“ Obstsorten und der Beratungsbedarf für die richtige Sortenwahl.
Bei der Wiederverbreitung von Obstbäumen im ländlichen Raum sind drei Grundsätze wichtig für eine nachhaltige biologische Vielfalt:
Das Sortenalter sollte nicht die entscheidende Rolle für die Auswahl spielen, wichtig sind vielmehr positive Baum- und Fruchteigenschaften, um die Langlebigkeit des Gehölzes und die Zufriedenheit der Konsumenten zu sichern.
Es sollte immer auch nach lokalen Sorten Ausschau gehalten werden, die wahrscheinlich nicht im Handel erhältlich sind, sich aber durch Veredelung (z. B. in der nächsten Baumschule) retten und wiederverbreiten lassen.
Es sollten wieder verstärkt Sämlinge gezogen und in Siedlung und Landschaft ausgepflanzt werden. Neben dem hohen biologischen Wert von Obstgehölzen entstehen so auch „zufällig“ neue, standortangepasste Sorten, deren Weiterveredelung sich lohnen könnte.
Von den ca. 4.000 in Deutschland namentlich bekannten Apfelsorten ist nur etwa die Hälfte in Literaturquellen beschrieben, ca. 1.500 Sorten sind in erhaltenden Einrichtungen gesichert (insbesondere Pomona Franconica / Triesdorf und IPK Gatersleben / Pillnitz). In Baumschulen werden gegenwärtig etwa 650 verschiedene Äpfel geführt, über die Hälfte davon jedoch nur in 5 spezialisierten Betrieben (Baumgartner, Brenninger, Boysen, Cordes, Hammerschmidt).
Als Regionalsorten älter 1900 mit Entstehungsort oder Verbreitungsschwerpunkt in Nordostdeutschland (Mecklenburg-Vorpommern, Nordbrandenburg, Wojewodschaft Westpommern) konnten bisher ermittelt werden:
Apfel aus Grünheide
Apfel aus Lunow
Berliner Schafsnase
Britzer Dauerapfel
Doberaner Borsdorfer Renette
Gelber Mecklenburger
Gelber Richard
Goldrenette Romersche Kikker
Kleiner Herrenapfel (Drüwken)
Krügers Dickstiel
Langsüßer
Mecklenburger Kantapfel
Mecklenburger Königsapfel
Mecklenburger Orangenapfel
Müschens Rosenapfel
Pommerscher Krummstiel
Pommerscher Schneeapfel
Ruhm aus Vierlanden
Schöner aus Lutten (wohl Lutheran)
Teterows Zitronenapfel
Tiefblüte
Vollbrechts Borsdorfer
Wahnschaftsapfel
Weißer Herbststettiner
Werdersche Wachsrenette
Von diesen 25 Sorten sind mindestens 7 verschollen oder ausgestorben, lediglich 11 sind in Baumschulen erhältlich.
Als ausführlicher Abriss der regionalen Obstbaugeschichte mit umfangreichem Literaturverzeichnis ist die Arbeit „Streuobstkartierung 1993-1995 in Mecklenburg-Vorpommern vor dem geschichtlichen Hintergrund obstbaulicher Tradition“ zu empfehlen, erstellt vom Verein Mecklenburger Landschafts- und Territorialentwicklung Warnow-Ost e.V., Dummerstorf 1996.
1.4 Kurzempfehlung Apfelsorten
Welche Sorte soll ich pflanzen? Auf diese pauschal gestellte Frage kann es wohl kaum eine befriedigende Antwort geben; vielmehr sind mehrere Gegenfragen vonnöten:
Welche Fruchteigenschaften sind gewünscht (Geschmack, Lagerfähigkeit)?
Wie ist der Standort beschaffen (Boden, Lage, Klima)?
Wie viel Platz soll der Baum später einnehmen (Wüchsigkeit, Erziehungsform)?
Wie pflegeintensiv kann die Sorte sein?
In der persönlichen Beratung können schließlich Empfehlungen ausgesprochen werden, ungleich schwieriger ist es hingegen, sich aus Büchern und Sortenverzeichnissen (wenn überhaupt vorhanden) passende Bäume herauszusuchen.
Mit dem vorliegenden Obstsortenverzeichnis ist eine elektronische Sortierung nach bestimmten Kriterien möglich (Pflückreife, Lagerfähigkeit, Bodenansprüche, Wüchsigkeit, Verwendung). Es ist also beispielsweise einfach, sich alle Sommeräpfel anzeigen zu lassen, indem man bei Pflückreife „Juli“ oder „August“ eingibt, oder die längsten Daueräpfel mit Lagerfähigkeit „Mai“ oder „Juni“ aufzurufen. Ebenso Sorten ohne Bodenansprüche oder für feuchte Standorte herausgefiltert werden.
Da diese Funktionen jedoch nur für den PC-Benutzer zur Verfügung stehen, haben wir eine „Tabelle für alle Fälle“ entwickelt, die sich auf wenige, anbausichere Sorten beschränkt und nur die Kriterien Lagerfähigkeit, Bodenansprüche und Verwendung beinhaltet.
Bodenansprüche |
anspruchslos |
gering |
mittel |
feuchtigkeitsertragend |
Sommer
(Mitte Juli bis Mitte September) |
Weißer Astrachan Charlamowsky |
Helios |
Weißer Klarapfel
Vista Bella
Pfirsichroter Sommerapfel |
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Herbst
(September bis Mitte November) |
Jakob Fischer
Müschens Rosenapfel
Reglindis |
Pia
Rebella
Reeders Goldrenette |
Reka
Dülmener Herbstrosenapfel
Pirol |
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Spätherbst
(Ende November bis Dezember) |
Antonowka
Goldrenette von Peasgood
Roter Hauptmannsapfel
Ruhm aus Vierlanden
Wettringer Taubenapfel
Borowinka |
Drüwken
Grahams Jubiläumsapfel
Rubinola
Glogierowka
Sästaholms Rosenapfel |
Ahrina
Burchardts Renette
Kardinal Bea
Piflora
Prinz Albrecht v. Preußen |
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Winter
(Januar bis März) |
Danziger Kantapfel
Mutterapfel
Regine
Riesenboiken
Oberdiecks Taubenapfel
Krügers Dickstiel
Schöner aus Wiltshire |
Pommerscher Schneeapfel
Neuer Berner Rosenapfel
Pommerscher Krummstiel
Schöner aus Herrnhut
Roter Jungfernapfel
Freiherr v. Trauttenberg
Martini |
Doberaner Borsdorfer Renette
Finkenwerder Prinzenapfel
Coulons Renette
Fromms Goldrenette
Kaiser Wilhelm
Resista
Mecklenburger Königsapfel |
Schöner aus Pontoise
Teltower Wintergravensteiner
Eifeler Rambur |
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Frühling
(April bis Juni) |
Batullenapfel
Pingo
Safran-Pepping
Purpurroter Cousinot
Winterzitronenapfel
Roter Bellefleur
Gubener Warraschke
Gr. Rheinischer Bohnapfel
Kl. Rheinischer Bohnapfel
Roter Eiserapfel |
Tiefblüte
Königlicher Kurzstiel
Lausitzer Nelkenapfel
Görlitzer Nelkenapfel
Schöner aus Nordhausen
Roter Winterstettiner |
Apfel aus Lunow
Brauner Matapfel
Renora |
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